Asthavakra-Gita





Asthavakra-Gita

 

Janaka:

Wie kann Wissen erlangt werden? Wie kann Befreiung erreicht werden? Wie kann Entsagung geschehen? (1)

Ashtavakra:

Mein Kind, wenn Du Befreiung suchst, dann meide die Sinnesobjekte wie Gift; suche Vergebung, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Zufriedenheit und Wahrheit wie Du Nektar suchen würdest. (2)

Du bist weder Erde, noch Wasser, noch Feuer, noch Luft, noch Raum. Du bist der Beobachter dieser fünf Elemente als Bewusstsein. Dies zu verstehen, ist Befreiung. (3)

Wenn Du dich von der Identifikation mit dem Körper befreist und entspannt in und als Bewusstsein verweilst, wirst Du in genau diesem Moment glücklich sein, in Frieden, frei von Bindung. (4)

Du gehörst nicht irgendeiner Kaste an, wie der der Brahmanen, noch bist du irgendeiner Lebensstufe zugehörig. Du bist nicht das Objekt irgendwelcher Sinne. Losgelöst und formlos bist Du der Beobachter des gesamten Universums. Wisse dies, und sei glücklich. (5)

Richtig und falsch, Glück und Sorgen sind Attribute des Verstandes, und nicht die Deinen, oh alles durchdringende Einheit. Du bist weder der Handelnde noch der Genießer, Du, der Du immer und ewig frei von all diesen Verhaftungen gewesen bist. (6)

Du bist der eine Beobachter und als solcher warst Du in der Tat immer frei. Deine einzige Bindung war, dass Du jemand anderen für den Beobachter hieltest. (7)

Du bist von der tödlichen, schwarzen Schlange des Egos gebissen worden und glaubst deshalb der Täter zu sein. Trinke den Nektar des Vertrauens, daß Du nicht der Handelnde bist, und sei glücklich. (8)

Nachdem Du das Dickicht der Unwissenheit mit dem Feuer der Überzeugung „Ich bin das Eine, Reine Bewusstsein“ niedergebrannt hast, laß allen Kummer gehen und sei glücklich. (9)

Du bist jenes Bewusstsein - höchste Glückseligkeit - in dem diese phänomenale Manifestation erscheint, so wie die Illusion von der Schlange als Seil. Lebe glücklich. (10)

Wer sich selbst für frei hält, ist in der Tat frei. Wer sich gefangen glaubt, bleibt gefangen. „Was man denkt, das wird man“, ist sicherlich ein wahrer Ausspruch. (11)

Atman ist der einige Zeuge, das alles durchdringende, vollkommen freie Bewusstsein - tatenlos, ungebunden, wunschlos und in Frieden mit sich selbst. Nur in der Illusion scheint er in samsara verstrickt zu sein. (12)

Gib die Illusion auf, ein individuelles Selbst zu sein, zusammen mit allen äußeren und inneren Selbst-Veränderungen, und meditiere über Atman, dem unveränderbaren, nicht-dualen Bewusstsein. (13)

Liebes Kind, lange warst Du in den Fesseln der Identifikation mit dem Körper gefangen. Durchschneide sie mit dem Schwert des Wissens und sei glücklich. (14)

Du bist ungebunden, aktionslos, von innen strahlend, makellos. Tatsächlich ist es Deine Meditation, die Deine Bindung erzeugt. (15)

Du bist es, der das gesamte Universum durchdringt, und dieses Universum existiert in Dir. Deine wahre Natur ist das reine Bewusstsein. Sei nicht kleinmütig. (16)

Verweile in jenem Bewußtsein, das Du bist - unkonditioniert, unveränderlich, formlos, gelassen, unerschütterlich, von unergründlicher Intelligenz. (l 7)

Wisse, daß das, was eine Form besitzt, nicht real ist und daß das Formlose real ist. Wenn Du dieses Prinzip verstanden hast, gibt es keine Wiedergeburt mehr. (18)

So wie die Oberfläche eines Spiegels innerhalb und außerhalb des reflektierten Bildes im Spiegel existiert, so existiert das höchste Selbst sowohl innerhalb und außerhalb des Körpers. (19)

So wie der alles-durchdringende Raum sowohl innerhalb als auch außerhalb des Topfes ist, so ist das ewige und alles durchdringende Bewußtsein allen Wesen und Objekten innewohnend. (20)

Janaka:

Ich bin wahrlich das fleckenlose, glasklare Bewußtsein, völlig getrennt vom phänomenalen Universum. Wie lange hat mich doch die Illusion unnötigerweise verwirrt! (21)

So wie Ich selber diesen Körper erstrahlen lasse, so offenbare Ich auch das ganze Universum. Daher ist das gesamte Universum allein Mein, oder nichts ist Mein . (22)

Wird der Körper zusammen mit dem Rest der Manifestation aufgegeben, wird wie durch ein Wunder das höchste Selbst wahrgenommen. (23)

So wie Wellen, Schaum und Blasen nichts anderes als das Wasser sind, so ist auch das phänomenale Universum, das im Bewußtsein erscheint, nicht verschieden von diesem. (24)

So wie ein Tuch nach einer Untersuchung nur aus Fäden besteht, so wird eine intelligente Wahrnehmung feststellen, daß die phänomenale Manifestation des Universums nichts anderes als das Bewußtsein ist. (25)

So wie der aus Zuckerrohrsaft gewonnene Zucker völlig vom Zuckerrohrsaft durchdrungen ist, so wird auch das phänomenale Universum, das in Mir entsteht, vollständig von Mir durchdrungen. (26)

Die Unkenntnis des Atman läßt das phänomenale Universum real erscheinen. Diese Illusion löst sich in der Verwirklichung der eigenen, wahren Natur auf. So wie die Illusion des Seils als Schlange allein durch Unwissenheit entstehen kann, so löst sie sich nur auf, wenn das Seil als solches erkannt wird. (27)

Licht ist meine wahre Natur. Ich bin nichts als Licht. Wahrlich das „Ich“ leuchtet, wenn sich das Universum manifestiert. (28)

Das Entstehen des phänomenalen Universums, das in Mir erscheint, vermittelt den Eindruck von Realität aufgrund der Unwissenheit, so wie Perlmutt als Silber erscheint, das Seil als Schlange und die Strahlen der Sonne als Wasser in einer Fata Morgana. (29)

So wie sich ein Topf in Ton auflöst, eine Welle in Wasser oder ein Schmuckstück in Gold, so wird sich auch das phänomenale Universum, das in Mir erschaffen wurde, sich in Mir auflösen. (30)

Oh, welches Wunder Ich bin! Ich grüße Mich Selbst, der keinen Verfall kennt und selbst die Zerstörung des gesamten Universums, vom Schöpfer Brahma bis zum kleinsten Grashalm, überlebt. (31)

„Oh, welches Wunder Ich bin! Ich grüße Mich Selbst, der, obwohl mit einem Körper versehen, nirgendwo hingeht, von nirgendwo kommt, sondern immer in Ruhe verweilt, das Universum durchdringend.(32)

„Oh, welches Wunder Ich bin! Ich grüße Mich Selbst. Niemand ist fähiger, die Last des gesamten Universums zu tragen, ohne es auch nur mit seinem Körper zu berühren. (33)


Oh, welches Wunder Ich bin! Ich grüße mich Selbst, nichts oder alles besitzend, das für Gedanken und Worte erreichbar ist. (34)

Das Wissen, der Wissende und das Verstehen, als Dreiklang, existieren nicht in der Realität. Ich bin jenes makellose Bewußtsein, in dem dieser Dreiklang durch Unwissenheit erscheint." (35)

Oh, die Wurzel des Elends liegt in der Tat im Dualismus. Es gibt kein anderes Heilmittel als die Realisierung, daß alle Objekte unserer Erfahrungen unwirklich sind, daß Ich das eine, reine Bewußtsein bin. (36)

Ich bin das reine Bewußtsein, doch durch Unwissenheit habe Ich mir Grenzen auferlegt. Mit dieser ständigen Überzeugung verweile Ich ohne zu konzeptualisieren im Bewußtsein. (37)

Die Illusion von Bindung und Befreiung, ihrer Grundlage (der Unwissenheit) entzogen, existiert nicht länger. Oh, das Universum ist aus mir hervorgegangen, aber es ist nicht in mir. (38)

Ich bin jetzt überzeugt, daß das gesamte Universum, einschließlich dieses Körpers, ohne Substanz ist, und daß Ich reines Bewußtsein bin. Wie kann die Konzeptualisierung jetzt noch eine Basis haben? (39)

Körper, Himmel und Hölle, Bindung und Freiheit, sogar Angst, all dies sind nur Konzepte. Was habe Ich damit zu tun, Ich, das reine Bewußtsein? (40)

Oh, es gibt absolut keinen Dualismus für mich. Sogar in einer Menschenmenge fühle Ich mich, als sei Ich allein. An was sollte Ich mich binden? (41)

Ich bin nicht dieser Körper, noch besitze Ich irgendeinen Körper, denn Ich bin kein getrenntes Individuum. Ich bin reines Bewußtsein. Meine einzige Bindung war mein Hunger nach dem Leben. (42)

Oh, die Bewegungen im mind haben in Mir, dem grenzenlosen Ozean, die vielen Welten geschaffen, so wie der Wind die Wellen auf dem Ozean entstehen läßt. (43)

In Mir, dem grenzenlosen Ozean, versinkt das Schiff des konzeptuellen Universums, wenn der Wind sich legt und der mind zur Ruhe kommt: Dies bedeutet Unglück für den Handlungsreisenden in Sachen individueller Personen. (44)

Wie wunderbar! In Mir, dem grenzenlosen Ozean, erscheinen die Wellen der Individuen gemäß ihrer gegebenen Natur. Sie treffen sich, sie spielen für eine gewisse Zeit miteinander und verschwinden dann wieder. (45)

Ashtavakra:

Wie ist es möglich, daß Du, nachdem Du Deine wahre Natur als das gelassene, unzerstörbare Eine erkannt hast, weiterhin an der Anhäufung von Reichtümern interessiert bist? (46)

Die Bindung an die illusorischen Sinnobjekte entsteht aus der Unkenntnis des Selbst, so wie die Gier nach Silber aus der Illusion entsteht, die das Perlmutt geschaffen hat. (47)

Warum läufst Du herum wie ein unglückliches Wesen, obwohl Du erkannt hast, daß Du Das bist, in dem das phänomenale Universum erscheint, so wie die Wellen auf dem Ozean ? (48)

Hat man einmal das Wissen um seine Identität mit dem unvergleichlich schönen Noumen vernommen, wie kann man dann noch von Sinnesobjekten angezogen werden und sich selbst erniedrigen?" (49)

Es ist wirklich seltsam, daß der Sinn des „Meins“ immer noch in einem Weisen vorherrscht, der das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst erkannt hat. (50)

Es ist wirklich seltsam, daß jemand, der in der höchsten transzendenten Nicht-Dualität verweilt und nach Befreiung strebt, dem sinnlichen Verlangen unterliegt und von amourösen Aktivitäten geschwächt wird. (51)

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß ein Mann, physisch schwach und offensichtlich am Ende seines Lebens angelangt, begierig nach Sinneslust sein sollte, obwohl ihm klar ist, daß sinnliche Begierden der Feind des Wissens sind. (52)

Es ist verwunderlich, daß jemand, von dem angenommen wird, er habe Leidenschaftslosigkeit gegenüber dieser Welt und der nächsten entwickelt, der angeblich fähig ist, zwischen dem Vergänglichen und dem Unvergänglichen zu unterscheiden und der auf der Suche nach Befreiung ist, sich trotzdem vor der Auflösung des Körpers fürchtet. (53)

Ob er geehrt und gefeiert oder gequält und geärgert wird, der Gelassene in der Erkenntnis des Selbst ist weder verärgert noch erfreut. (54)


Der Weise beobachtet die Tätigkeiten seines eigenen Körpers, so wie er die eines anderen Körpers beobachtet. Wie kann er also beeinflußt werden von Lob oder Tadel? (55)

Wie kann der Gelassene in seinem Wissen um das phänomenale Universum als eine Illusion und ohne Interesse an dieser Illusion von irgendeiner Angst erfaßt werden, selbst wenn der Tod naht? (56)

Mit wem können wir das höchste Sein vergleichen, das im Bewußtsein verweilt, vollkommen zufrieden, nichts begehrend, nicht einmal Befreiung? (57)

Warum sollte der Gelassene, aller phänomenalen Objekte gewahr, eine Vorliebe für Dinge als akzeptabel oder unakzeptabel haben? (58)

Der, der aufgehört hat zu konzeptualisieren und daher frei ist von Bindungen an Sinnesobjekte, der jenseits von Gegensätzen und frei von Wünschen ist, akzeptiert mit Gleichmut, was immer seinen Weg im täglichen Leben kreuzt. (59)

Janaka:

Oh, Hanta, Mann von Verständnis, der Du Deine wahre Natur kennst, der Du teilnimmst am Spiel des Lebens, niemals kannst Du verglichen werden mit den Tieren, die Lasten in ihrem Leben tragen. (60)

In jenem Zustand verweilend, nach dem sich Indra und die anderen Götter wehmütig sehnen, fühlt sich der Yogi nicht überlegen oder erhaben. (61)

Das Herz des jnani wird nicht berührt von Tugend und Laster, so wie der Himmel nicht vom Rauch berührt wird, auch wenn es so zu sein scheint. (62)

Wer kann den Selbst-Verwirklichten, einen, der die Einheit des unmanifestierten Noumenons und der phänomenalen Manifestation erkannt hat, daran hindern, zu handeln wie es ihm beliebt? (63)

Vier Arten von Lebewesen (Geboren aus dem Mutterleib, geboren aus dem Ei, geboren aus dem Dampf oder aus der Feuchtigkeit, geboren aus dem Samen) sind erschaffen worden, von Brahma bis zum Grashalm, doch nur der Weise ist fähig, dem Verlangen und der Ablehnung zu entsagen.(64)

Selten ist der, der das Noumen als das Eine ohne ein Zweites erkennt, als den Herrscher des Universums. Er vollbringt, was er für wert erachtet, getan zu werden, frei von allen Ängsten. (65)

Im Wissen, daß Du das reine ungebundene Sein bist, wie kann es da eine Frage Deines Verzichtes auf irgend etwas geben? Alles, worauf es ankommt ist die Disidentifikation mit dem psychosomatischen Organismus und die Auflösung der Illusion des Egos in das noumenale „Ich“. (66)

Im Wissen um das Universum in Dir selbst als Bewußtsein, wie Wellen im Ozean, tritt ein in den Zustand der Auflösung. (67)

Im Wissen, daß die Erscheinung des phänomenalen Universums eine Illusion ist, so wie die Schlange im Seil, und daß du es, obwohl es den Sinnen als real erscheint, als reines Noumenon vollkommen transzendierst, tritt ein in den Zustand der Auflösung. (68)

Tritt ein in den Zustand der Auflösung im Bewußtsein Deiner Vollkommenheit, dem Potential der Fülle des Plenums, Du, der Unwandelbare in Jammer und Glückseligkeit, in Hoffnung wie Verzweiflung, Leben und Tod. (69)

Ich bin unendlich wie der Raum, während die phänomenale Welt wie ein Topf ist. Dies ist wahres Wissen. Daher gibt es keine Frage von Entsagung, Akzeptieren oder Auflösung. (70)

Ich bin wie der Ozean, und das phänomenale Universum ist wie eine Welle. Dies ist wahres Wissen. Daher gibt es keine Frage von Ablehnung, Bejahung oder Auflösung. (71)

Ich bin wie Perlmutt, und die Illusion des Universums ist wie das Silber. Dies ist wahres Wissen. Daher gibt es keine Frage von Entsagung, Akzeptieren oder Auflösung. (72)

Ich bin in der Tat in allen Lebewesen, und alle Lebewesen sind in Mir. Dies ist wahres Wissen. Daher gibt es keine Frage von Entsagung, Akzeptieren oder Auflösung. (73)

In Mir, dem unbegrenzten Ozean, wird die Barke des Universums von den Winden, der ihnen innewohnenden Natur, hin und her geworfen. Ich werde davon nicht berührt. (74)

In Mir, dem grenzenlosen Ozean, laß die Wellen des Universums entstehen und dann vergehen, gemäß der ihnen innewohnenden Natur. Ich erfahre weder ein Ausdehnen noch ein Zusammenziehen. (75)

In Mir, dem unendlichen Ozean, schwimmt die Illusion des Universums. Formlos, wie ich bin, bleibe Ich vollkommen gelassen. Dort werde Ich verweilen.(76)

Weder ist das subjektive Selbst im Objekt, noch ist das Objekt im subjektiven Selbst, welches unendlich und makellos ist. Es ist frei von Verhaftetsein, Verlangen und daher ruhig. Dort werde Ich verweilen. (77)

In der Tat Was-Ich-Bin ist reines Bewußtsein. Die Welt ist wie die Show eines Magiers. Wie kann es da die Frage der Ablehnung oder Akzeptanz für Mich geben. (78)

Ashtavakra:

Es bedeutet Bindung, wenn der mind etwas wünscht oder um etwas trauert, irgend etwas zurückweist oder akzeptiert, sich freut oder sich über irgend etwas ärgert. (79)

Es bedeutet Befreiung, wenn der mind weder etwas wünscht noch bekümmert ist, weder annimmt noch verweigert, sich weder glücklich noch ärgerlich fühlt. (80)

Es ist Bindung, wenn der mind an irgendwelche Erfahrungen der Sinne gebunden ist. Es bedeutet Befreiung, wenn der mind sich von allen Sinneserfahrungen gelöst hat. (8l)

Wenn das Ego anwesend ist, ist dies Bindung, wenn es abwesend ist, ist dies Befreiung. Wenn das verstanden wird, sollte es Dir leicht fallen, Dich von jeglichem Akzeptieren oder Verweigern fernzuhalten. (82)

Wen gehen die zwei Pole der Gegensätze, wie Pflichten, die erfüllt, und Taten, die vermieden werden, etwas an? Wann enden diese und für wen enden sie? So forschend - durch Gleichgültigkeit gegenüber der Welt - fahre fort ohne Verlangen und Wollen zu sein. (83)

Selten in der Tat, mein Kind, ist jene gesegnete Person, deren Verlangen nach Leben, Vergnügen und Wissen, nur durch das Beobachten der Wege der Welt erloschen ist. (84)

Ein Mensch von Weisheit wird gelassen, er erkennt diese Welt als vergänglich und überschattet vom dreifachen Elend (vom a) dem eigenen Organismus, b) anderen Organismen, c) den Geschehnissen in der Natur); ohne Substanz ist sie keiner Beachtung wert und zu verwerfen. (85)

Gibt es einen Zustand oder eine Zeit, in der Menschen nicht von Gegensätzen beeinflußt wurden? Wer sich von diesen Einfluß löst und zufrieden annimmt, was immer spontan des Weges kommt, erlangt Vollkommenheit. (86)

Wie kann jemand nicht zur Gelassenheit gelangen, der um die Verschiedenheit der Meinungen der vielen Seher, Heiligen und Yogis weiß, wie sollte er nicht völlig gleichmütig werden? (87)

Ist nicht er der wahre guru, der sich seiner Natur als reines Bewußtsein gewahr ist, der sich durch Gelassenheit, Gleichmut und logisches Denken von der Seelenwanderung des samsara gerettet hat? (88)

Erkennst Du einmal die verschiedenen Phänomene des Universums als das, was sie wirklich sind, d.h. verschiedene Muster und Kombinationen derselben fünf Grundelemente, löst sich augenblicklich Deine Bindung auf. Du verweilst in Deinem wahren Selbst. (89)

Absichten sind die Wurzel von samsara. Daher bedeutet der Verzicht auf Pläne und Wollen Leidenschaftslosigkeit gegenüber der Welt. Dann ist die Welt Dein zu Hause. (90)

Gib das Verlangen auf, das der Feind ist, materiellen Wohlstand, der zu großem Schaden führt, und auch die Ausübung guter Taten mit dem Ziel, etwas zu erreichen, das die Ursache dieser Zwei ist - sei losgelöst von allem. (91)

Betrachte deine Freunde, Länder, Reichtum, Häuser, Frauen, Geschenke und alle anderen Dinge eines guten Schicksals als einen Traum oder die Show eines Magiers, die von kurzer Dauer ist.(92)


Wisse, wo es Wünsche gibt, gibt es samsara. Gehe mit aufrichtiger, intensiver Leidenschaftslosigkeit über alles Verlangen hinaus, und so sei glücklich. (93)


Im Verlangen liegt die Bindung. Befreiung liegt in der Vernichtung des Verlangens. Allein durch das Nichtgebundensein an die phänomenale Welt erreicht man die immerwährende Freude der Verwirklichung des Selbst. (94)

Du bist das reine Bewußtsein. Das phänomenale Universum ist bewegungslos und illusorisch. Auch Unwissenheit als solche existiert nicht. Warum also verlangst du nach Wissen? (95)


Königreiche, Söhne, Frauen, Körper und Vergnügungen der Sinne gingen dir Geburt nach Geburt verloren, obwohl du an sie gebunden warst. (96)

Genug daher des Reichtums, der Wünsche und der guten Taten. Der mind fand keine Ruhe in der trübseligen Wüste von samsara. (97)

Wie viele Leben lang hast du nicht harte, schmerzhafte Arbeit mit diesem Körper, dem mind und der Sprache geleistet? Lasse doch wenigstens jetzt davon ab. (98)

In der Überzeugung, daß fortwährender Wechsel und endgültige Auflösung nach einer gewissen Zeitdauer die wahre Natur aller phänomenalen Erscheinungen ist, bleibt der Weise gelassen, frei von Elend und entspannt in seiner Haltung. (99)

In der Überzeugung, daß die phänomenale Manifestation nichts anderes ist als das Noumen, das allen Phänomenen innewohnt, bleibt der Weise zufrieden und gelassen im Umgang mit allen Wünschen. Er ist völlig in Frieden und unberührt von allem, was geschieht. (100)

Die Überzeugung, daß Not und Wohlstand aufgrund der Kausalität das Resultat vergangener Taten sind, ist der Weise, mit seinen Sinnen in passiver Zurückhaltung, wunschlos, unbekümmert. (101)

In der Überzeugung, daß Unglück und Glück, Geburt und Tod Teile eines natürlichen Prozesses der Kausalität sind, bleibt der Weise ohne Verlangen, etwas zu vollbringen. Frei von Ängsten identifiziert ersich nicht mit dem, was er gerade tut. (102)

Die Überzeugung, daß die Angst und nichts anderes die Ursache allen Elends dieser Welt ist, läßt den Weisen, nachdem er alle Wünsche ausgelöscht hat, frei von Angst, glücklich und zufrieden sein. (103)

Die Überzeugung „Ich bin nicht der Körper, noch ist der Körper mein - Ich bin reines Bewusstsein“, gibt dem Weisen Gelassenheit gegenüber allem, was erreicht wurde, und erreicht werden kann. Erlebt in einem natürlichen Zustand von Wunschlosigkeit, der dem noumenalen Zustand ähnelt. (104)

Die Überzeugung „Ich bin allen phänomenalen Erscheinungen innewohnend, von Brahma bis zu einem Grashalm“ gibt dem Weisen Freiheit von jeder Konzeptualisierung oder Objektivierung. Gleichgültig gegenüber Erreichtem oder Unerreichtem, bleibt er zufrieden und verweilt in Ruhe. (105)

Die Überzeugung, daß das manifestierte Universum, so wundersam es in seiner Vielfältigkeit und Verschiedenheit seiner Erscheinungen auch sein mag, in Wahrheit nur eine Illusion ist, gibt dem Weisen Wunschlosigkeit. Identifiziert mit dem reinen Bewußtsein verweilt er im noumenalen Frieden. (106)

Janaka:

Zuerst wurde Ich indifferent und losgelöst von physischer Aktion, dann von oberflächlichem Gerede und schließlich vom Konzeptualisieren selbst. So verweile Ich in meinem natürlichen Zustand. (107)

Ohne irgendeine Bindung an Worte und sinnliche Objekte, im Wissen, daß das Selbst kein Objekt der Wahrnehmung ist, wurde mein mind von Ablenkungen befreit und auf einen Punkt zentriert. So verweile Ich in meinem natürlichen Zustand. (108)

Indem mir klar wurde, daß Bemühungen wie Meditationen, nur denen vorgeschrieben werden, deren mind abgelenkt ist, verweile Ich in meinem natürlichen Zustand. (109)

Oh, Brahman, ich habe die Unwirklichkeit der voneinander abhängigen Gegensätze, wie Vergnügen und Schmerz, dem Akzeptierbaren und Nichtakzeptierbaren durchschaut. So verweile ich in meinem natürlichen Zustand. (110)

Erkennend, daß meine Selbstbeschränkung auf die Pflichten einer bestimmten Lebensrolle und die Ausübung der vorgeschriebenen Disziplinen usw. Ablenkungen sind, verweile Ich in meinem natürlichen Zustand. (111)

Die klare Erkenntnis, daß bewußte Untätigkeit ebenso, wie willentliche Tätigkeit, das Ergebnis von Unwissenheit ist, verweile Ich in meinem natürlichen Zustand. (112)

Das Undenkbare zu denken ist nur ein anderer Aspekt des Konzeptualisierens und des Objektivierens. In dieser Erkenntnis verweile Ich in meinem natürlichen Zustand. (113)

Gesegnet ist der, der dies vollendet hat. Gesegnet ist in der Tat der, dessen wahre Natur dies ist. (114)

Der Friede, der aus der Überzeugung erwächst, daß die gesamte Manifestation eine phänomenale Illusion ist, ist selten, sogar für jemanden, der nur einen Lendenschurz besitzt. Daher verbleibe ich, nachdem ich das Konzept von Akzeptieren und Entsagung aufgegeben habe, zufrieden in meinem natürlichen Zustand. (115)

Da ist die Ermüdung des Körpers, dort die Erschöpfung der Zunge, irgendwo anders der Kummer des mind. Daher verweile Ich glücklich, unberührt von allen Tätigkeiten und Anstrengungen, in meinem natürlichen Zustand. (116)

Im dem Verstehen, daß in Realität nichts wirklich „getan“ wird, verweile Ich festgegründet in meinem natürlichen Zustand und bin der Beobachter dessen, was immer geschieht. (117)

Die spirituellen Sucher sind in Tätigkeiten und Untätigkeiten verwickelt, denn sie sind immer noch mit dem Körper identifiziert. Desinteressiert an Identität oder Nicht-Identität, lebe Ich glücklich in meinem natürlichen Zustand. (118)

Konsequenzen - gut oder schlecht - berühren mich nicht, weder in Bewegung noch in Ruhe. Daher bin ich in meinem natürlichen Zustand zufrieden, ob das Körper-mind-Werkzeug sich in Ruhe, in Bewegung oder im Schlaf befindet. (119)

Ich verliere nichts, indem ich mich entspanne, noch gewinne Ich etwas durch Bemühung. Alle Konzepte von Gewinn und Verlust überschreitend, verweile ich glücklich in meinem natürlichen Zustand. (120)

Nachdem ich wiederholt die Unbeständigkeit der verschiedenen Aspekte des Vergnügens in wechselnden Situationen beobachtet habe, bin Ich gleichgültig gegenüber allen Erfahrungen und verweile glücklich in meinem natürlichen Zustand. (121)

Der, dessen weltliches Erinnerungsvermögen ausgelöscht wurde, der in Wirklichkeit im natürlichen, leeren mind verweilt, dessen Sinne auf ihre Objekte ohne sichtbare Beteiligung des Willens reagieren, geht durch das Leben wie im Schlaf. (122)

Wenn meine Wünsche sich aufgelöst haben, wo ist dann die Frage von Reichtum, Freunden oder Dieben in der Form -von Sinnesobjekten? Wo ist die Frage nach heiligen Schriften oder gar Wissen? (123)

Nachdem ich meine Identität mit dem höchsten Absoluten, dem Beobachter, erkannt habe, gibt es nur noch vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber Bindung und Befreiung. Ich bin an nichts interessiert, nicht einmal an der Erleuchtung. (124)


Der ungewöhnliche Zustand dessen, der frei ist von allen möglichen Zweifeln, der lebt, als sei er sich seiner Umgebung nicht gewahr, ohne Beschränkungen, kann nur von denen verstanden werden, die so sind wie er. (125)

Ashtavakra:

Der Mensch mit einem scharfen Intellekt wird sogar dann erleuchtet, wenn ihm die Anweisungen beiläufig zuteil werden, während der unreife Sucher ohne diese Voraussetzung sogar nach einer Lebensspanne des Suchens fortfährt verwirrt zu sein. (126)

Die Abwesenheit von Bindung an Sinnesobjekte ist Freiheit. Leidenschaft für Sinnesobjekte ist Verhaftetsein. Verstehe dies und dann handle, wie es dir gefällt. (127)

Die intuitive Wahrnehmung dieser Wahrheit scheint einen beredten, klugen und aktiven Menschen stumpf, teilnahmslos und träge zu machen. Daher ist das Wissen um die Wahrheit nicht begehrenswert für jene, die weiterhin die Freuden dieser Welt genießen wollen. (128)

Du bist nicht der Körper, noch ist der Körper Dein. Du bist weder der Handelnde noch der Erfahrende. Du bist das Bewußtsein selbst, der ewige, unpersönliche Beobachter. Lebe glücklich. (129)

Leidenschaft und Abneigungen sind Eigenschaften des mind, Du selbst bist das Bewußtsein, frei von allen Konflikten, unveränderlich. Lebe glücklich! (130)

Indem du das Selbst in allem und alles im Selbst erkennst und frei bist von den Gefühlen des Egos, sei glücklich! (131)

Oh Du reines Bewußtsein, Du bist wahrlich Das, worin das phänomenale Universum wie Wellen auf dem Ozean erscheint. Sei frei von den Beschwerden des mind! (132)

Habe Vertrauen, mein Sohn, habe Vertrauen. Laß Dich nicht verwirren oder täuschen, Du bist das Wissen selbst, Du bist der Herr, Du bist das Bewußtsein, das jeder Manifestation vorausgeht. (133)

Der Körper besteht aus fünf Elementen; er tritt in die Existenz, verbleibt für eine Weile und vergeht. Das Selbst kommt weder, noch geht es. Worin liegt der Sinn, den Verlust des Körpers zu betrauern? (134)

Ob der Körper bis in alle Ewigkeit besteht, oder in diesem Augenblick vergeht, was für einen Unterschied macht dies für Dich, der Du reines Bewußtsein bist? (135)

Laß die Wellen der Phänomenalität in Dir, der Du der grenzenlose Ozean bist, erscheinen und sich ihrer Natur entsprechend wieder auflösen. Dies kann weder Gewinn noch Verlust für Dich bedeuten. (136)

Oh, mein Sohn! Du bist das eine Bewußtsein, in dem das phänomenale Universum erscheint, das nicht von dem, was Du bist, getrennt ist. Wie kann es da die Frage geben, ob etwas annehmbar oder nicht annehmbar ist? (137)

Wie kann es für Dich, dem einen, unveränderlichen, gelassenen, makellosen, reinen Bewußtsein, die Frage von Geburt oder Tätigkeit, oder gar eines Ego-Konzeptes geben? (138)

Was immer Du wahrnimmst, ist Deine eigene Reflektion. Können die unterschiedlichen Schmuckstücke wie Armringe, Amulette oder Fußketten etwas anderes sein als Gold? (139)

Gib alle Unterscheidungen auf wie „Ich bin dies“ und „Ich bin dies nicht“. Sei überzeugt, daß alles, was es gibt, Bewußtsein ist. Frei von allen Konzepten, sei glücklich! (140)

Nur aufgrund von Unwissenheit scheint das Universum zu existieren. Außer Dir, als Bewußtsein oder Realität, existiert nichts. Außer Dir gibt es weder ein individuelles noch irgendein transzendentes Selbst. (141)

Wer aus tiefster Überzeugung verstanden hat, daß das Universum nur eine Illusion ist, wird frei vom Verlangen. Durch die Überzeugung, daß es nichts anderes als Bewußtsein gibt, tritt Friede und Gelassenheit ein. (142)

Sei überzeugt, daß dieser offenbare Ozean des manifestierten Universums in Wahrheit nichts anderes als Bewußtsein ist. Du bist wahrlich weder von Bindung noch von Befreiung betroffen. Lebe frei und glücklich! (143)

Oh, reines Bewußtsein, das Du bist! Befasse dich nicht mit Konzepten von Bejahung und Verneinung. Verweile in der Stille der ewigen Glückseligkeit, die Du bist, und lebe glücklich. (144)

Gib alles Konzeptualisieren auf. Hege keine Glaubensbekenntnisse oder Konzepte irgendeiner Art. Du bist das ewigfreie Bewußtsein. Wie kann Dir Denken in irgendeiner Form helfen? (145)

Du magst verschiedenen heiligen Schriften zuhören, oder sogar gelehrte Vorträge darüber halten, aber das Verweilen im Selbst kann nicht geschehen, solange all dies nicht vergessen wurde. (146)

Du magst Dich mit Arbeit beschäftigen, Dich an Vergnügungen dieser Welt erfreuen, oder Meditationen genießen, und doch wirst Du feststellen, daß es einen inneren Drang hin zum ursprünglichen Zustand gibt, der aller Phänomenalität vorausgeht, in dem alles Verlangen nach phänomenalen Objekten ausgelöscht ist. (147)

Alle bemühen sich permanent um Glück und bleiben doch unglücklich. Sie erkennen nicht, daß es diese willentliche Anstrengung ist, die das Unglücklichsein hervorbringt. Nur durch dieses Verstehen erreicht der Gesegnete das Erwachen. (148)

Glück gehört nur dem Meister der Untätigkeit, für den sogar der natürliche Vorgang, die Augen zu öffnen und zu schließen eine Anstrengung zu sein scheint. (149)

Ist der mind frei von den Paaren der Gegensätze wie „dies ist getan, aber jenes noch nicht“, erreicht er einen Gleichmut gegenüber Rechtschaffenheit, Besitz und Verlangen nach Sinnesfreuden sowie nach Befreiung. (150)

Der, der eine Abneigung gegenüber Sinnesobjekten empfindet, wird als Entsagender betrachtet, und wer sie begehrt, wird als sinnlich bezeichnet. Aber der, der weder zurückweist noch begehrt, wird von ihnen nicht beeinflußt. (151)

Verlangen liegt an der Wurzel der Unwissenheit, und solange Verlangen besteht, muß das Gefühl für das Annehmbare und Nichtannehmbare, das die Zweige und Knospen vom Baume des samsara sind, notwendigerweise weiter bestehen. (152)

„Aktivität erzeugt Bindung, Verweigerung von Aktivität schafft Unlust. Befreit von der Bindung an Gegensätze lebt der Weise verankert im Selbst wie ein Kind. (153)

Wer sich an samsara gebunden fühlt, will es aufgeben, um sich selbst vom Elend zu befreien. Aber der, der ungebunden ist, fährt fort, in samsara zu sein und lebt doch glücklich.(154)

Wer als individueller Sucher nach Erleuchtung strebt und fortfährt, sich mit dem Körper zu identifizieren, ist weder ein jnani noch ein yogi, er leidet unter Trübsal. (155)

Bevor nicht alles vollkommen aufgegeben und vergessen wurde, kannst Du nicht im Selbst verwurzelt sein, nicht einmal wenn Shiva, Vishnu oder Brahma deine Lehrer sind. (156)

Nur der Zufriedene, dessen Sinne nicht an ihre Objekte verhaftet sind, der seine Einheit mit dem Universum von ganzem Herzen genießt, nur dieser kann als jnani oder yogi bezeichnet werden. (157)

Oh Du, der um die Wahrheit weiß, erleidest niemals Elend in dieser Welt, da das ganze Universum von Dir selbst erfüllt ist. (158)

Die Sinnesobjekte besitzen keine Anziehungskraft mehr für den, der im Selbst verweilt, so wie die bitteren Blätter des Neembaumes den Elefanten nicht mehr erfreuen, der die Blätter des Sallakibaumes genossen hat. (159)

Selten in dieser Welt ist der, bei dem die Erfahrungen keine Eindrücke hinterlassen, der sich nicht mehr nach Erfahrungen, die noch zu genießen sind, sehnt. (160)

Es ist leicht in dieser Welt jene zu finden, die sich nach Sinnesfreuden sehnen und ebenso jene, die nach Erleuchtung streben. Aber selten ist in der Tat die große Seele, die sich nicht um materielle Vergnügungen oder spirituelle Erleuchtung kümmert. (161)

 

Nur der Weise ist frei von Anziehung oder Ablehnung von Religion, Reichtum, Sinnlichkeit, Leben und auch Tod. (162)

Der Weise sehnt sich nicht nach der Auflösung des Universums, noch interessiert ihn dessen Fortbestehen. Der Gesegnete lebt in vollkommenen Frieden mit allem, was das Leben bringt. (163)

Als Folge dieses höchsten Verstehens und mit der Heilung des split-mind in seine Ganzheit, lebt der Weise glücklich und zufrieden, er sieht, hört, riecht und schmeckt. (164)

Er ist mit den Objekten dieser Welt weder verhaftet, noch lehnt er sie ab und wird daher nicht im Meer von samsara hin und her geworfen. Sein mind ist leer, seine Handlungen geschehen ohne persönliche Motivationen, und seine Sinne werden nicht von ihren Objekten angezogen. (165)

Weder wacht noch schläft der Weise, seine Augen sind weder geöffnet noch geschlossen. Die befreite Seele erfreut sich ihres Zustandes in allen Lebenslagen. (166)

Der Befreite verweilt immer im Selbst. Reinen Herzens lebt er in allen Umständen frei von jeder Konditionierung. (167)

Die große Seele sieht, hört, berührt, riecht, akzeptiert, geht, und ist frei von aller Anstrengung und Nichtanstrengung. Sie ist wahrlich befreit. (168)

Der Befreite klagt weder an noch lobt er. Er frohlockt nicht, noch ist er ärgerlich. Weder gibt er, noch empfängt er. Er ist frei von jeder Bindung an Objekte. (169)

Der Anblick einer verlockenden Frau, oder des nahenden Todes, läßt die große Seele, die im Selbst ruht, gleichermaßen unerschüttert. Er ist wahrlich befreit. (170)

Der Unerschütterliche, der überall das Gleiche sieht, unterscheidet nicht zwischen Glück und Elend, Mann und Frau, Wohlstand und Not. (171)

In einem Weisen, dessen Bindungen an das weltliche Leben ausgelöscht sind, findet man weder Mitleid noch Gewalttätigkeit, weder Demut noch Anmaßung, weder Erstaunen noch Erregung. (172)

Der Befreite verabscheut die Sinnesobjekte nicht, noch begehrt er sie. Er erfreut sich aller Dinge, die ihm begegnen mit einem völlig unberührten mind. (173)

Immer im Selbst verweilend, konzeptualisiert der Weise, ausgestattet mit dem leeren mind, nicht länger die Gegensätze, wie richtig und falsch, gut und böse. (174)

Frei vom Gefühl des Egos und des „mein“, wissend, aus fester Überzeugung, daß nichts wirklich existiert und mit all seinen inneren Wünschen zur Ruhe gekommen, handelt der Verstehende nicht, obwohl es so scheinen mag. (175)

Der Zustand des Verstehenden ist unbeschreiblich. Sein Verstand und die Konzepte haben sich aufgelöst. Er ist völlig frei von Täuschungen, Träumen und Dumpfheit. (176)

Gegrüßt sei das, was die Verkörperung der Glückseligkeit, der heiteren Gelassenheit des Glanzes ist. Mit dem Aufgehen der Sonne des Verstehens erscheint alle Täuschung wie ein Traum. (177)

Man kann eine große Anzahl von Vergnügungen durch den Erwerb der manifestierten Sinnesobjekte erfahren. Trotzdem kann wahres Glück nur durch den Verzicht auf all diese Dinge entstehen. (178)

Wie kann der, dessen innerster Kern des Seins von der Sonnenglut der Sorgen verbrannt wurde, entstiegen dem Gefühl der Schuldigkeiten, das Glück genießen, ohne die fortgesetzten ambrosianischen Schauer der Wunschlosigkeit. (179)

Dieses Universum ist nur ein Zustand des Bewußtseins. In Wahrheit ist es nichts. Die innere Natur des Existierenden und Nicht-Existierenden geht nie verloren. (180)

Das Selbst, das Absolute - mühelos, unveränderlich, fleckenlos - ist weder entfernt, noch unterliegt es Begrenzungen. Es ist immer da, immer gegenwärtig. (181)

Sobald sich die Illusion auflöst, ist das störende Hindernis für die klare Sicht beseitigt. Wenn das reine Verstehen aufleuchtet, zerstreuen sich die Sorgen. (182)

Wissend, daß alles Sichtbare ein Produkt der Phantasie ist, daß das Ewige und Unabhängige das subjektive Selbst als Bewußtsein ist, kann das erleuchtete Wesen da noch töricht handeln wie ein Kind? (183)

Mit der festen Überzeugung, daß die eigene, wahre Natur Bewußtsein ist, und Existenz und Nicht-Existenz Einbildungen der Phantasie sind, kann es dafür den, der ohne Wunsch ist, noch irgend etwas zu denken, zu sagen oder zu tun geben? (184)

Für den yogi, der still geworden ist durch die klare Erkenntnis, daß nichts existiert außer Bewußtsein, werden alle Gedanken, wie „Ich bin dies“ oder „Ich bin nicht das“, ausgelöscht. (185)

Der yogi, der vollkommen in der Gelassenheit ruht, kümmert sich weder um Ablenkung noch um Konzentration, weder um Wissen noch um Unwissenheit, weder um Vergnügen noch um Elend. (186)

Einem yogi, dessen Konditionierung völlig abgefallen ist, sind Reichtum oder Armut, Gewinn oder Verlust, die Gesellschaft von Menschen oder die Einsamkeit des Waldes vollkommen gleichgültig. (187)

Wie kann es für den yogi, der die Dualitäten wie „dies ist vollbracht“ oder „jenes noch nicht“ transzendiert hat, irgendeine Frage von Pflichten, Wohlstand, Sinnesfreuden oder Diskriminierung geben? (188)

Für den befreiten Weisen gibt es weder Pflicht noch Verhaftung. Alle seine Tätigkeiten sind Teil seiner vom Willen unbeeinflußten Art zu leben. (189)

Wo kann es für den Weisen, der jenseits aller Konzeptualisierung ist, noch die Frage der Täuschung, des Universums oder dessen Entsagung oder das Thema der Befreiung geben? (190)

Derjenige, der das Universum als Universum wahrnimmt, muß möglicherweise dessen Existenz verneinen, doch der, der ohne Konzepte ist, kümmert sich nicht darum, nimmt es wahr und sieht es dennoch nicht. (191)

Derjenige, der Brahman als etwas von ihm Getrenntes wahrnimmt, mag über das Prinzip „Ich bin Brahman“ meditieren. Doch derjenige, welcher alle Konzepte transzendiert hat und nichts anderes mehr als sich selbst sieht, hat nichts, über das er meditieren könnte. (192)

Derjenige, welcher Verwirrung in sich entdeckt, hält es für notwendig, diese zu kontrollieren. Doch was gibt es für den Edelmütigen zu tun, der sich mit keinerlei Verwirrung identifiziert hat? (193)

Der Weise scheint wie jeder gewöhnliche Mensch zu leben, aber es gibt einen fundamentalen Unterschied in ihren Auffassungen. Der Weise weiß, daß alles, was es gibt, Bewußtsein ist, und kümmert sich daher weder um Konzentration noch um Ablenkung. (194)

Nachdem der verständige Mensch das relative Konzept der Existenz und Nichtexistenz transzendiert hat und zufrieden und frei von Wünschen ist, tut er nichts mehr, obwohl er in den Augen der Welt seinen Geschäften nachgeht. (195)

Der Weise führt in Zufriedenheit aus, was immer unter den gegebenen Umständen von ihm verlangt wird, aber er ist in Wahrheit weder in das Tun noch in das Nicht-Tun verwickelt. (l96)

Vorwärts getrieben von den Kräften der Kausalität im evolutionären Prozeß, treibt der Körper-mind-Organismus des wunschlosen, unabhängigen Wesens, frei von allen Bindungen im Leben, wie ein trockenes Blatt im Wind. (197)

Es gibt weder Freude noch Sorgen für den, der die weltliche Existenz transzendiert hat. Für immer von heiterer Gelassenheit lebt er in der Welt, als sei er ohne Körper. (198)

Der Beständige, im Selbst verweilend, mit einem ruhigen und reinen mind versehen, hat nichts aufzugeben. Kein Verlust, wie und wo auch immer, berührt ihn. (199)

Der Beständige, mit einem leeren mind, natürlich und spontan lebend, nimmt das Leben, wie es kommt. Anders als der durchschnittliche Mensch, ist er unbeeinflußt durch Konzepte von Ehre und Schande. (200)

Derjenige, welcher der festen Überzeugung ist, daß alles, was durch den Körper-mind Organismus geschieht, keine individuelle Tätigkeit ist, tut nichts, obwohl er tätig zu sein scheint. (201)

Der Erleuchtete lebt natürlich und spontan, daher werden seine Handlungen nicht von Eigeninteressen bestimmt, und doch sind es nicht die Taten eines Narren. Für ihn bedeutet in dieser Welt zu sein das gleiche, wie nicht in dieser Welt zu sein. Er ist immer gelassen und zufrieden. (202)

Der Beständige, der nicht am Streit der Gedanken und mentalen Tätigkeiten interessiert ist, ist frei von Konzeptualisierung und daher immer in Ruhe. Er hat das Denken, Wissen, Hören und Wahrnehmen transzendiert. (203)

Des Weisen mind wird nicht erregt oder von Gedanken beunruhigt und daher hat er keinen Anlaß, zu meditieren. Die Frage der Bindung oder Befreiung ist für ihn irrelevant. Mit der festen Überzeugung, daß das offenbare, manifestierte Universum ein Phantasiegebilde ist, existiert er als das reine Bewußtsein selbst. (204)

Das identifizierte Individuum mit dem Gefühl des freien Willens handelt, selbst wenn es untätig ist. Der Erleuchtete jedoch, ohne ein Gefühl von persönlichem Handeln, handelt nicht, selbst wenn Handlungen geschehen. (205)

Der mind des Erleuchteten ist weder erregt noch ekstatisch. Er ist tatenlos, frei von Schwankungen, ohne Verlangen. Der mind leuchtet ungehemmt von allen Zweifeln. (206)

Der mind des Erleuchteten beschäftigt sich weder mit mentaler Tätigkeit noch mit anderen Aktivitäten. Wenn mentale Tätigkeiten oder andere Aktivitäten geschehen, entstehen sie nicht aus einem Gefühl von Wollen oder einer persönlichen Täterschaft heraus, sondern sind natürlich und spontan. (207)

Nachdem eine dumpfe Person die Wahrheit vernommen hat, wird sie noch verwirrter, während eine äußerst intelligente Person sich so sehr in sich selbst zurückzieht, daß sie anderen geistig träge erscheint. (208)

Die verwirrten und unwissenden Menschen sind permanent in Übungen mentaler Konzentration oder in Bemühungen, den mind zu kontrollieren, verwickelt. Die Weisen andererseits sehen, wie im tiefen Schlaf, keine Notwendigkeit, irgend etwas zu tun. (209)

Weder durch Tätigkeit noch durch Untätigkeit erlangt die unwissende Person Ruhe. Der Weise wird ruhig allein durch das Verstehen davon, was Ruhe ist. (210)

In dieser Welt können die, die sich diversen Übungen unterwerfen, nicht zur Erkenntnis ihrer wahren Natur gelangen, die Reinheit, Intelligenz, Liebe, Vollkommenheit, transzendent und frei von jedem Schatten der Objektivität ist. (211)

Der Unwissende erlangt trotz verschiedener Disziplinen und Methoden, den mind zu kontrollieren, keine Befreiung. Der Gesegnete ist verankert im Selbst einzig und allein durch intuitives Verstehen. (212)

Der Unwissende erlangt Brahman, wonach er sich sehnt, nicht, während der Weise die Natur des höchsten Brahman verwirklicht, ohne danach zu streben. (213)

Ohne die notwendige Unterstützung suchen die Unwissenden weiterhin die Illusion der Erleuchtung und füttern so die Illusion des manifestierten Universums von samsara. Der Weise zerstört das Problem an der Wurzel. (214)

Der Narr versucht, Gelassenheit durch persönliche Bemühungen zu finden und scheitert. Der Weise nimmt die Wahrheit intuitiv wahr und ist für immer gelassen. (215)

Wie kann es ein Sehen der Selbst-Natur für den geben, der lediglich dieses oder jenes Objekt sieht, wenn er die phänomenale Manifestation wahrnimmt? Wenn der Weise die Manifestation sieht, sieht er weder dieses noch jenes Objekt, sondern nur Bewußtsein, in dem diese erschienen sind. (216)

Wie kann der Getäuschte, der Kämpfende, den mind kontrollieren? Für den Weisen, der tief im Selbst ruht, benötigt der whole-mind in seiner Spontaneität keim Kontrolle. (217)

Einige glauben an die Existenz der phänomenalen Manifestation, andere glauben, daß die phänomenale Manifestation nicht existiert. Selten ist der, den solche Konzepte nicht interessieren und der daher immer gelassen ist. (218)

Jene mit unreifem Intellekt mögen glauben, daß der Atman rein und ohne ein Zweites ist. Trotzdem wollen sie Atman auf der phänomenalen Ebene als ein unabhängiges Wesen erfahren, und verbleiben daher unglücklich. (219)

Der Intellekt eines Suchers, der nach Erleuchtung strebt, kann ohne ein Objekt als Stütze, auf das er sich bezieht, nicht funktionieren. Der Intellekt des Befreiten ist unbegrenzt, uneingeschränkt von irgendeinem Wunsch, sogar von dem nach Befreiung. (220)

 

Wenn er den Tigern der Sinnesobjekte begegnet, sucht der geängstigte Sucher Schutz im Käfig des mind und versucht mit verschiedenen Methoden, den mind zu kontrollieren und zu disziplinieren. (221)

In der Begegnung mit dem wunschlosen Wesen, ausgestattet mit dem Mut eines Löwen, schleichen die Elefanten der Sinnesobjekte entweder leise davon, oder sie unterwerfen sich völlig wie dienerische Höflinge. (222)

Ist die Selbst-Verwirklichung vollkommen und über jeden Zweifel erhaben, gibt es kein Bedürfnis nach Zuflucht in irgendwelche Disziplinen oder Praktiken als einem Mittel zur Befreiung. Der Selbst-Verwirklichte sieht, hört, berührt, riecht, schmeckt und lebt glücklich. (223)

„Wenn der split-mind die Wahrheit vernommen hat und in seine heilige Ganzheit geheilt wurde, ist der Weise in permanenter, völliger Gelassenheit, unberührt von der Richtigkeit jeglicher Handlung oder Nicht-Handlung. (224)

Frei vom Gefühl der Täterschaft führt der Weise aus, was immer getan werden muß, unberührt von der Richtigkeit der Taten. Sein Handeln ist wie die Handlung eines Kindes. (225)

Durch Freiheit entsteht Glück, durch Freiheit das Beste; durch Freiheit Gelassenheit; durch Freiheit wird der höchste Zustand erreicht. (226)

Wenn sich das Verstehen vertieft, schwächt sich die Neigung des Verstandes, sich nach außen zu richten, ab in der Erkenntnis, daß das Selbst weder der Täter noch der Erfahrende ist. (227)

Das nicht-willentliche, spontane, unbeschränkte Verhalten des Weisen, ist durchsichtig, offen und lauter. Doch es ist nicht die gekünstelte Ruhe, die von jemandem zur Schau gestellt wird, der immer noch von persönlichen Motiven und Überlegungen beherrscht wird. (228)

Die Standhaften, völlig frei von aller Konzeptualisierung und ledig aller Verhaftungen, sind mal in wohlhabender Umgebung und mal in Berghöhlen anzutreffen. (229)

„Im Herzen des Standhaften ist völlige Losgelöstheit, unter welchen Umständen, in welcher Gesellschaft er auch immer sein mag - in Gegenwart eines vedischen Gelehrten, der geehrt wird, oder angebeteten Göttern, an einem heiligen Ort, oder in Gesellschaft eines Königs, einer Frau oder eines geliebten Wesens. (230)

Der Yogi ist nicht beunruhigt, selbst wenn er von Dienern, Söhnen, Frauen, Enkeln oder anderen Verwandten verachtet oder verspottet wird. (231)

Obwohl erfreut, ist er nicht erfreut, obwohl mutlos ist er nicht mutlos. Nur die, die selbst so sind wie er, können diesen wunderbaren Zustand des Seins verstehen. (232)

„Der Sinn für Pflichten, relevant nur in Bezug auf samsara, wird von den Weisen transzendiert, die ihre wahre Natur als all-durchdringend, formlos, unveränderlich und makellos verwirklicht haben. (233)

Wer noch nicht still geworden ist, wird immer von Ablenkungen erregt, selbst wenn er nichts tut; der Erfahrene verweilt völlig unbewegt, selbst wenn er beschäftigt ist. (234)

Selbst im täglichen Leben ist der Weise gleichmütig, immer glücklich, ob er sich entspannt, schläft, seinen gewöhnlichen Geschäften nachgeht, spricht oder ißt. (235)

Wer seine wahre Natur erkannt hat, ist das vollkommene Vorbild für das Leben. Im Gegensatz zum durchschnittlichen Individuum lebt er seinen Alltag gelassen und unberührt wie ein stiller, großer See. (236)

Für den Verwirrten wird sogar der Rückzug in die Stille zur Aktion. Der Standhafte erntet auch in andauernder Tätigkeit die Früchte des Zurückziehens. (237)

Ein moodha stellt oft Gleichgültigkeit gegenüber seinem Besitz zur Schau. Wo aber gibt es Verhaftet- oder Losgelöstsein für den, der die Identifikation mit dem Körper verloren hat? (238)

Der moodha ist immer damit beschäftigt zu konzeptualisieren. Wer im gegenwärtigen Augenblick verweilt, denkt bei seiner Arbeit, was notwendig ist, und doch denkt er nicht. (239)

Der Mensch der Ruhe hat in allen Unternehmungen, die stattfinden, kein persönliches Motiv oder Ziel. Er lebt mit der Unschuld eines Kindes und ist an die Arbeiten, die er ausführt, nicht gebunden. (240)

Gesegnet ist der Verstehende, der den mind transzendiert hat, der von allen Umständen unberührt ist, während er physisch fortfährt zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu riechen oder zu schmecken. (241)

Wie kann es für den Vollkommenen, der unveränderlich ist wie das All, samsara oder ihre Manifestation geben? Wie kann es da ein Ziel oder Mittel geben, dies zu erreichen? (242)

Glorreich ist für den das Sein, der von allen Wünschen frei ist. Er ist die Verkörperung der vollkommenen Glückseligkeit, die seine wahre Natur ist, er bleibt für immer spontan, versunken im reinen Bewußtsein. (243)

Was gibt es noch zu sagen? Die große Seele mit dem vollkommenen Verständnis ist nicht nur frei von jedem Verlangen nach Sinnesfreuden, sondern auch frei von der Freude an der Erleuchtung. Sie ist völlig frei von jeder Bindung, zu jeder Zeit, an jedem Ort. (244)

Was gibt es für ihn noch zu tun, der selbst das reine Bewußtsein ist? Er hat die manifestierte Welt, deren Vielfältigkeit nur aus unterschiedlichen Namen besteht, die mit Mahat (kosmische Intelligenz) beginnen, völlig aufgegeben.(245)

Der Reine weiß mit Gewißheit, daß dieses Universum ein Produkt der Illusion ist, daß nichts wirklich existiert. Das unsichtbare Selbst ist ihm offenbart worden, und ganz natürlich genießt er die Stille. (246)

Verhaltensregeln, Leidenschaftslosigkeit, Entsagung und Kontrolle des mind, all diese Bezeichnungen sind für den bedeutungslos, dessen Natur der Reine Glanz ist und der keine objektive Realität kennt. (247)

Wie können die Bezeichnungen Bindung und Befreiung, Freude und Leid irgendeine Bedeutung haben für den, der wie das Unendliche strahlt, sich selbst in endlosen Formen objektivierend, der keine relative Existenz kennt. (248)

Mit dem Geschehen der plötzlichen Erleuchtung wird die Realität des Universums als eine Illusion erkannt. Der Weise lebt ohne das Gefühl eines Egos oder „mein“, er ist völlig losgelöst von allem. (249)

Wie kann der Weise, der das Selbst als unvergänglich und frei von Sorgen intuitiv wahrgenommen hat, der ohne das Gefühl „Ich bin der Körper“ oder „der Körper gehört mir“ lebt, jemals am Universum oder an Wissen interessiert sein? (250)

Nicht eher gibt der Mensch von dumpfer Intelligenz seine Übungen der Disziplin und mind-Kontrolle auf, bevor er nicht noch einmal von den unterdrückten Wünschen und Konzepten überfallen wird. (251)

Sogar nachdem er die Wahrheit vernommen hat, gibt der Mensch von niedrigem Intellekt seine Täuschung nicht auf. Durch Verdrängung mag er ruhig erscheinen, doch sein mind wird weiterhin von Verlangen nach Sinnesobjekten beunruhigt.(252)

Der, dessen Gefühl für die persönliche Täterschaft durch die intuitive Ein-Sicht seiner wahren Natur abgefallen ist, findet keinen Grund zu reden, oder irgend etwas zu tun, obwohl er in den Augen der durchschnittlichen Menschen ein normales Arbeitsleben führt. (253)

Wie kann es für den standhaften Weisen, der immer unerschütterlich und angstfrei ist, die Frage von Dunkelheit oder Licht geben, die Frage irgend etwas zu verlieren? Für ihn gibt es nichts, das existiert. (254)

Für ihn, der keine eigene, persönliche Natur besitzt, und dessen Natur daher nicht in spezifischen Begriffen ausgedrückt werden kann, wie kann es für ein solch selbst-verwirk-lichtes Wesen die Frage von Geduld, von Unterscheidung oder sogar von Angstlosigkeit geben? (255)

In der Vorstellung des yogi gibt es weder Himmel noch Hölle, nicht einmal die Voraussetzung von jeevan-mukti, der Befreiung im Leben. Tatsächlich gibt es im yogischen Bewußtsein nichts, kein Ding existiert. (256)

Der mind des Standhaften sehnt sich nicht nach Gewinn, noch trauert er um etwas nicht Erreichtes. Sein gelassener mind bleibt immer erfüllt von Nektar. (257)

Der Unvoreingenommene hat weder Lob für jemanden, der als gut gilt, noch Verurteilung für jemanden, der als schlecht gilt. Zufrieden, gleichmäßig und ausgewogen in Glück und Elend, gibt es für ihn nichts zu erreichen. (258)

Der Weise verabscheut weder samsara, noch verlangt er nach nirvana. Frei von der Dualität, von Freude und Leid, ist er uninteressiert an Leben oder Tod. (259)

 

Glorreich ist das Leben des Weisen, frei von allen Erwartungen, frei von jeder Verhaftung an Frau, Kindern oder irgend etwas anderem. Der ist frei von allem Verlangen nach Sinnesfreuden, den es nicht interessiert, ob der Körper existiert oder nicht. (260)


„Zufriedenheit wohnt immer im Herzen des Standhaften, der mit allem, was immer sein Los im Leben sein mag, zufrieden ist, der geht, wohin das Leben ihn führt, unbekümmert darum, wo er am Ende des Tages sein wird." (261)

„Ruhend auf dem Grund seines eigenen, wahren Seins, und daher Geburt und Tod transzendierend, kümmert sich der Große nicht darum, ob sein Körper dem Tod anheimfällt oder fortfährt zu existieren. (262)

Gesegnet ist der Weise, der in seiner Unnahbarkeit an nichts gebunden und ohne Verlangen nach Besitz ist. Er hat die Gegensätze transzendiert, und seine Zweifel sind vollkommen vernichtet worden. (263)

Glorreich ist derjenige, der frei ist von dem Gefühl des „mir“ und „mein“, für den ein Klumpen Erde, ein kostbarer Stein, ein Brocken Gold gleichwertig sind, dessen Verknotungen des Herzens zerrissen wurden, und der von rajas und tamas gereinigt wurde. (264)

Wie kann es etwas Vergleichbares z» einem Befreiten geben, in dessen Herz es keine Spur von Verlangen irgendwelcher Art mehr gibt, der zufrieden und völlig gleichgültig gegenüber allen Objekten ist? (265)

 

Kann es irgend jemand anderen geben, außer demjenigen, der aller persönlichen Wünsche beraubt ist, der weiß und doch nicht weiß, der empfängt und doch nicht empfängt, der spricht und dennoch nicht spricht? (266)

Sei er ein Bettler oder König, glorreich ist der, der völlig ungebunden und völlig frei von der konzeptionellen Dualität der miteinander verbunden Gegensätze von gut und schlecht ist. (267)

Für den yogi, der seine wahre Natur erkannt hat und der daher die Verkörperung von Unschuld und Aufrichtigkeit ist, wo gibt es für ihn eine Frage von Zügellosigkeit oder Einschränkung; wo ist die Frage einer Entscheidung zwischen dem, was wahr ist und nicht? (268)

Wie und wem kann die innere Erfahrung desjenigen, der völlig wunschlos ist, der alle Sorgen transzendiert hat, der fortwährend im Selbst verweilt - beschrieben werden? (269)

Der Selbst-Verwirklichte schläft nicht, selbst wenn er schläft, er liegt nicht, selbst wenn er träumt, er ist nicht wach, selbst im Wachzustand. Dies ist der Zustand dessen, der unter allen Gegebenheiten zufrieden ist. (270)

Der Mensch-der-Weisheit ist ohne Gedanken, selbst wenn er denkt; er ist ohne Sinnesorgane, selbst wenn er sie benutzt; er ist ohne Intellekt, seihst wenn er mit diesem ausgestattet ist. Er ist ohne Ego, selbst wenn er es besitzt. (271)

Der Mensch-der-Weisheit ist weder glücklich noch unglücklich, weder verhaftet noch unverhaftet, weder befreit noch ein Anwärter für die Befreiung. Er ist weder dies noch das. (272)

Der Gesegnete ist nicht abgelenkt, selbst in der Zerstreuung. Er ist in der Meditation nicht meditativ; er ist nicht lustlos selbst in Lustlosigkeit; er ist nicht gebildet, selbst wenn er Bildung besitzt. (273)

Der Befreite, der unter allen Bedingungen im Selbst verweilt, der frei ist von den Konzepten der Taten und Pflichten, der völlig ohne jedes Verlangen ist, bleibt unberührt von allen Ereignissen, er grübelt nicht über Geschehenes, oder Ungeschehenes. (274)

Wenn er gelobt wird, ist der Weise nicht erfreut, wird er beschuldigt, ist er nicht verärgert. Weder erfreut er sich des Lebens, noch fürchtet er den Tod. (275)

Der Losgelöste sucht bewußt weder die Menge noch die Wüste. Er ist derselbe überall und unter allen Umständen. (276)


Janaka:

Indem ich die Zangen der bewußten Wahrnehmung der Wahrheit benutze, habe ich den schmerzvollen Dorn der verschiedenen Meinungen, Konzepte und Urteile aus den innersten Schlupfwinkeln meines Herzens herausgerissen. (277)

Wo ist dharma, wo ist kama, wo ist artha? Wo ist Gewissen und Unterscheidung? Wo ist Dualität  - oder gar NichtDualität - für Mich, der ich in meiner eigenen Herrlichkeit verweile? (278)

Wo ist die Vergangenheit, wo ist die Zukunft oder sogar die Gegenwart? Wo ist Raum? Wo ist gar Ewigkeit? - für Mich, der ich in meiner eigenen Herrlichkeit verweile? (279)

Wo ist das Selbst, und wo ist das Nicht-Selbst, und ebenso Gut und Böse? Wo ist Angst oder Angstlosigkeit? - für Mich, der ich in meiner eigenen Herrlichkeit verweile? (280)

Wo ist das Träumen, wo der Tiefschlaf und der Wachzustand? Wo ist der vierte Zustand? Wo ist gar Furcht für Mich, der ich in meiner eigenen Herrlichkeit verweile? (281)

Wo ist Entfernung, wo ist Nähe? Wo ist draußen, wo ist innen? Wo ist das Grobe und wo das Feine? - Für Mich, der ich in meiner eigenen Herrlichkeit verweile? (282)

Wo ist Leben oder Tod, wo sind die Welten und die weltlichen Relationen? Wo ist laya und wo ist samadhi für Mich, der ich in meiner eigenen Herrlichkeit verweile?

 

(Laya ist der Sprung des mind in den Schlaf, der traditionell als eines der vier Hindernisse für samadhi gilt. Die anderen drei sind vikshepa (Zerstreuung), kashaya (Trägheit) und rasavada (Schwelgen in samadhi.) (283)

Über die drei Ziele des Lebens zu sprechen, ist sinnlos, über Yoga zu sprechen, ist zwecklos, und sogar das Reden über Weisheit ist irrelevant für Mich, der ich im Selbst verweile. (284)

Wo sind die Elemente, wo ist der Körper, wo sind die Organe, und wo ist der mind? Wo ist wirklich die Leere oder Verzweiflung für Mich, der ich von Natur aus ohne den geringsten Makel bin? (285)

Wo sind die Schriften und das Wissen um das Selbst? Wo ist der mind, gelöst von den Sinnesobjekten, und wo ist Zufriedenheit? Wo ist Wunschlosigkeit - für Mich, der die Dualität der Gegensätze transzendiert hat? (286)

Wo ist Wissen und wo ist Unwissenheit? Wo ist das Ich, und wo ist „dies ist mein“? Wo ist Bindung und wo ist Befreiung? Wie kann es für meine Selbst-Natur irgendein Attribut geben? (287)

Wo ist prarabdah-karma? Wo ist die Frage der Befreiung, sei es im Leben oder Tod? - für Mich, den ewig Undifferenzierten? (Prarabdha-karma ist die Tätigkeit, die durch einen Körper-mind-Organismus vor sich geht, die Folge vergangener Taten im Prozeß der Kausalität.) (288)

Wo ist der Täter oder der Genießer, wo ist die Auflösung oder das Auftauchen von Gedanken? Wo ist die Frage von wahrer oder falscher Wahrnehmung für Mich, der ich immer unpersönlich bin? (289)

Wo ist die Welt, und wo ist der Sucher, wo ist die Frage von Yoga als Wissen, wer verweilt in Knechtschaft, oder wer ist befreit - für Mich, dessen wahre Natur die Nicht-Dualität ist? (290)

Wo ist Erschaffung, und wo ist Zerstörung? Was ist das Ende und wo ist der Weg dorthin? Wo ist die Frage von Suchen oder Erlangen für Mich, verweilend in meiner nicht-dualen Natur? (291)

Wo ist der „Wissende“ und wo ist der „Weg zum Wissen“? Wo ist das „Objekt des Wissens“ und wo ist „objektives Wissen“? Was ist ein Etwas, und was ist kein Etwas - für Mich, der ewig rein ist? (292)

Wie kann es je Ablenkung oder Konzentration, Wissen oder Täuschung, Freude oder Schmerz geben für Mich, der immer tatenlos ist? (293)

Wo ist das Relative oder das Absolute, Glück oder Unglück für Mich, der immer jenseits aller Konzeptualisierung ist? (294)

Wo ist maya, wo ist samsara, wo ist Verhaftung oder Losgelöstsein, wie kann es eine Frage von Jiva oder Brahman geben - für Mich, der ewig rein ist? (295)

Wo ist Tätigkeit oder Untätigkeit, wo ist Befreiung oder Bindung für Mich, der immer unveränderlich, unteilbar und im Selbst verankert ist? (296)

Wo sind spirituelle Unterweisungen oder schriftliche Verbote ? Wo ist der Schüler, und wo ist der guru? Wo gibt es die Frage irgendwelcher Pflichten für Mich, dem subjektiven potentiellen Plenum, frei von allen Begrenzungen? (297)

Wo ist Existenz oder Nicht-Existenz? Wo ist Einheit oder Dualität? Kurz, es ist unnötig mehr zu sagen, außer daß in der Tat nichts von mir ausstrahlt. (298)

 

Anmerkung:

Alle 298 Verse wurden dem Buch "Duett der Einheit" von Ramesh Balsekar in der Übersetzung von Heidrun Goeschel, München/Bielefeld 1991, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags J. Kamphausen (www.weltinnenraum.de/) entnommen. Die Erlaubnis wurde erteilt am 10.4.2007.


Als ich mir 1991 das Buch "Duett der Einheit - Der Ashtavakra Dialog" von Ramesh Balsekar kaufte, war ich absolut begeistert. Ich liebte die Bücher von Balsekar sehr, aber dieses Buch war wirklich ein einzigartiger Genuss. Der Dialog zwischen König Janaka und dem Weisen Ashtavakra bedurfte in seiner Klarheit eigentlich kaum noch eines Kommentars. So empfand ich Balsekars Ergänzungen auch mehr als ein Einstimmen in den zeitlosen Gesang der beiden Weisen aus grauer Vorzeit.

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken bei Ramesh Balsekar für die Übertragung der Gita ins Englische und für seine kongeniale Kommentierung. Dank auch für die einfühlsame Übersetzung des Buches ins Deutsche durch Frau Heidrun Goeschel und nicht zuletzt Dank an Frau Marianne Nentwig, Programmleitung des Verlags J. Kamphausen, für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Gita auf dieser Homepage.

Wilhelm Klingholz

 

 



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